Hängematten nur auf Bestellung

Projektbesuch bei CECIM in Ciudad Sandino

BMZ-Projekt 2013-2016

Seit nunmehr 9 Jahren können sich Frauen, die Gewalt in ihren Familien erlebt haben, nach dem Besuch psychosozialer Seminare für eine Ausbildung entscheiden, um sich eine eigenständige Existenz zu sichern. Von den vor drei Jahren zusätzlich eingeführten Berufen ist die Herstellung von Hängematten der anspruchsvollste. Die staatlich zertifizierte Ausbildung dauert 9 Monate, danach muss noch einiges an Übung hinzu kommen, bis die Frauen es mit den alteingesessenen Betrieben in Masaya aufnehmen können.

Die Arbeit ist mit vielseitigen Techniken verbunden, so wird gespannt, geknüpft und gehäkelt, alles neue Techniken, die erst mal geübt werden müssen. Die Frauen schätzen die Abwechslung, manche kapitulieren aber wegen des Zeitaufwands, bis die Matte aus bunten Baumwollfäden aufgehängt werden kann. Für eine einfache Hängematte müssen sie bisher noch 36 Stunden Arbeit einplanen. Da stellt sich zunächst das Problem, wo sie den Rahmen aufstellen können, der in den meist sehr kleinen Häusern zu viel Platz einnimmt.

Drei von ihnen, Darling Sandino, Yamilet Leiton und Auxiliadora Carballo, die sich im ersten Kurs 2014 kennengelernt haben, beschlossen gleich, gemeinsame Sache zu machen, um die vielfältigen Schwierigkeiten gemeinsam zu schultern. Darling lebt in einem geräumigen Haus, da können gleich mehrere Holzrahmen aufgestellt werden, zwischen die zunächst straffe Fäden gespannt werden. Das wirkt wie ein quergestellter Webstuhl. Yamilet und Auxiliadora leben in der Nachbarschaft. Nachmittags machen sie sich seit fast 2 Jahren an die gemeinsame Arbeit. Die Vormittage müssen sie bisher weiterhin nutzen, um zur Existenzsicherung Parfum und Kleidung zu verkaufen. Sie hoffen, bald soweit zu sein, dass sie vom Knüpfen der Hängematten leben können. Auxiliadora liebt Handarbeiten, für sie ist diese Arbeit pure Entspannung, Darling schätzt vor allem das vertraute Gespräch unter Freundinnen. Die gemeinsam absolvierten Kurse, die Nutzung der Kredite, der Materialeinkauf und die Überwindung so mancher Anfangsschwierigkeit hat sie sehr zusammen geschweißt. Und für Yamilet war es der Traum ihres Lebens, eine richtige Ausbildung machen zu können. Alle drei lieben es, etwas eigenes zu schaffen, voller Stolz und mit strahlenden Augen präsentieren sie ihre Produkte, die sie bisher nur auf Bestellung fertigen. Das finanzielle Polster ist noch zu dünn, um auf Vorrat zu produzieren. 

Fast noch wichtiger als die berufliche Ausbildung und die Unterstützung mit Mikrokrediten war für die meisten Frauen die Teilnahme an den psychosozialen Kursen. Immer wieder betonen sie, wie viel sich in ihrem Leben seither geändert hat. Sie trauen sich heute vieles zu und realisieren das auch, was ihnen früher unvorstellbar schien. Diese Erfahrungen werden besonders deutlich bei den Frauen, die von 2008 bis 2010 an den Seminaren teilgenommen haben und seitdem mehr Zeit hatten, ihre Pläne umzusetzen und sich weiterzuentwickeln. Olga Cuarezma ist eine dieser Frauen. Sie studiert mittlerweile Psychologie. Andere sind nicht so erfolgreich. Vor allem diejenigen, die länger erkranken, haben mit ernsten Problemen zu kämpfen. Zwar erhalten sie staatliche Unterstützung bei der Gesundheitsversorgung, zudem wird ihnen von CECIM der Kredit gestundet, aber den Verdienstausfall können nicht alle kompensieren. Das funktioniert nur dort, wo Familienangehörige einspringen, meist, weil sie sowieso zusammenleben und gemeinsam wirtschaften oder in engem Kontakt miteinander leben. So halten es die meisten. Einige Frauen dagegen betonten, wie wichtig es für sie war, die persönliche Unabhängigkeit zu erreichen. Dafür nahmen sie gern die Unterstützung der Psychologin in Anspruch und genießen heute bisher ungewohnte Freiheiten.

Auch wenn Nicaragua ein jährliches Wirtschaftswachstum zwischen 4 und 5 % aufweist, und deutlich mehr vor allem importierte Waren angeboten werden, wächst die Kluft zwischen Arm und Reich kontinuierlich weiter. Nach wie vor leben gut 70 % der Bevölkerung von oft sporadischen Tätigkeiten im informellen Sektor ohne Sozialversicherung. Nur wenigen gelingt der Sprung in die Mittelschicht. Ein wichtiger Einkommensfaktor sind die Zahlungen der im Ausland arbeitenden Verwandten. Ein Teil des Wirtschaftswachstums resultiert aus Auslandsinvestitionen und Krediten, mit denen Häuser und Straßen gebaut werden. Der Warenkorb für die Grundversorgung kostet umgerechnet etwa 460 US-Dollar für eine 5-köpfige Familie pro Monat, der Durchschnittslohn eines Arbeiters liegt aber gerade einmal bei 200 US-Dollar.

Überhaupt sei das Wirtschaftswachstum laut dem Wirtschaftsexperten Alejandro Aráuzu zu gering, um die hohe Zahl von Unterbeschäftigung und informeller Tätigkeit spürbar zu reduzieren, die prekären Löhne anzuheben und um der heimischen Wirtschaft die Mittel für Investitionen an die Hand zu geben. Nicaragua bleibt somit trotz des vergleichsweise hohen Wirtschaftswachstums das Land mit dem mit Abstand niedrigsten Bruttoinlandsprodukt Zentralamerikas und mit einem hohen informellen Beschäftigungsanteil. Rund 2,5 Millionen Menschen gehen einer unregelmäßigen Beschäftigung nach, das sind dreimal mehr, als bei der formellen Beschäftigung. Auf diesem schwierigen Markt müssen sich auch die von CECIM unterstützten Frauen mit ihren Mikrokrediten behaupten.

Projektbesuch bei CECIM in Ciudad Sandino
BMZ-Projekt 2013-2016