Ausführlicher Beitrag von Tierra Libre

Der historische Lebensraum der Nivaĉle liegt im trockenen Teil des Gran Chaco. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts umfasste er etwa 8,6 Milionen Hektar Land auf beiden Seiten der gegenwätigen Staatsgrenze zwischen Argentinien und Paraguay, die vom Hauptbett des Pilcomayo-Flusses gebildet wird. Das Ökosysten des Pilcomayo-Flusses mit seinem Wasserreichtum und seiner Vielfalt an biologischen Ressourcen war nicht nur der wirtschaftliche und kulturelle Kern des Territoriums der Nivaĉle, sondern auch der Bezugspunkt für ihre sozialräumliche Organisation. https://eyeweardock.com/shop/eyeglasses/

Während der ersten vier Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts sahen sich die Nivaĉle einerseits dem systematischen Genozid durch die argentinische Gendarmerie sowie das bolivianische Militär und andererseits der ausufernden Willkür seitens der Paraguayos ausgesetzt. Um 1950 hatten sie ihr gesamtes Territorium beiderseits des Pilcomayo-Flusses verloren. Aus Argentinien waren sie gewaltsam vertrieben und auf der anderen Seite des Flusses von dem während des Chaco-Konflikts in den Lebensraum der Nivaĉle eindrigenden bolivianischen Militär dezimiert worden; in Paraguay wurden sie in dieser Zeit durch den Verkauf von Staatsland und deren Umwandlung in Großgrundbesitze der Viehzüchter enteignet.

Die zunehmend dynamische Ausdehnung der Viehzucht-Frontier im paraguayischen Chaco löste einen seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts stark beschleunigten, massiven Entwaldungsprozess sowie die substanzielle Bedrohung der biologischen Vielfalt in der Region aus. Infolge der strukturellen Veränderungen im oberen und mittleren Lauf des Río Pilcomayo fiel seit den 80er Jahren auch das Hauptbett dieses Flusses tendenziell trocken ̶̶ ein tiefgreifender ökologischer Impakt, der die Nivaĉle in ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Substanz trifft.

Diese katastrophale Entwicklung schlug sich in der drastischen Reduzierung der Ressourcenbasis der Nivaĉle nieder und führte zur Abwanderung von erheblichen Teilen der Nivaĉle-Bevölkerung aus dem Pilcomayo-Gebiet in den Chaco Central. Die gegenwärtigen Nivaĉle-Gemeinden des Pilcomayo-Gebiets haben wenig oder kein Land. Sie sehen sich heute nicht nur von den beschriebenen gravierenden Veränderungen, sondern inzwischen auch von der Tendenz der agressiven argentinischen Sojaanbau-Frontier zum Eindringen in den paraguayischen Siedlungsraum der Nivaĉle und von der Aktivierung der paraguayischen Erdöl- bzw. Erdgasabbau-Konzessionen an multinationale Konzerne in der Region sowie deren Konsequenzen zunehmend in ihrer existenziellen Basis bedroht.

Das vom Werkhof Darmstadt und vom BMZ geförderte Projekt zur Sicherung des Lebensraumes der Nivaĉle-Gemeinden des Mittleren Pilcomayo-Gebiets versucht, die territorialen Ansprüche der Nivaĉle-Gemeinden Yishinachat, Quenjaclai, Campo Golondrinas und La Princesa zur Geltung zu bringen. Das Projekt zielt darauf ab, der menschenrechtlich kritischen Situation entgegenzuwirken, die durch die Zerstörung der natürlichen Ressourcen und die territoriale Exklusion der Nivaĉle-Gemeinden entstanden ist. Dies geschieht durch die Entwicklung und Umsetzung einer von allen Gemeinden getragenen und koordinierten Strategie, mit der gezielt Einfluss auf öffentliche Instanzen zur Veränderung dieser Situation ausgeübt werden soll.

Es handelt sich um 3 Maßnahmenbereiche: 1) Stärkung der Initiativen zur rechtlichen Konsolidierung von ausreichendem kommunalen Landbesitz; 2) Stärkung der Initiativen zur Wiederherstellung der lebensräumlichen Existenz- und Ernährungsgrundlage durch größeren Zugang zu den biologischen und hydrischen Ressourcen; 3) Stärkung der indigenen Organisationen durch deren Vernetzung. Mittels der Schaffung von Kompetenzen und Kapazitäten in den Nivaĉle-Gemeinden und deren gemeinsamen Organisation soll die Nachhaltigkeit gesichert werden.

Die von der lokalen NRO Tierra Libre unterstützte Initiative macht sichtlich Fortschritte und ist dabei, eines ihrer Ziele zu erreichen: Die Gemeinden haben den ersten Schritt zur Verbesserung ihrer landrechtlichen Situation erfolgreich getan und damit ihren Landforderungen neue Schubkraft verliehen. Durch die Ausbildung in Workshops und durch praktische Übungen haben viele Mitglieder dieser Gemeinden ihre Kenntnisse über Landrechte, Techniken zu deren Begründung, Methoden zum Schutz ihrer Lebensgrundlagen sowie auch Formen der gemeinsamen Organisierung wesentlich verbessert. Vor allem die Nivaĉle-Frauen dynamisieren diesen Prozess der Aneignung von Fähigkeiten durch ihre engagierte Teilnahme.

Die erworbenen Kompetenzen bilden die Grundlage für die in Kürze beginnende zweite Fase des Projekts: die gemeinsame Planung zur Erweiterung des Territoriums der vier Nivaĉle-Gemeinden sowie die Einleitung von Verfahren zur Landzuweisung. Was unverzichtbar Nivaĉle-Lebensraum bleiben muss, wird im Rahmen dieser Initiative im wesentlichen durch den traditionellen Nahrungsmittelbedarf der gegenwärtigen und zukünftigen Nivaĉle-Bevölkerung der vier Gemeinden sowie dessen Raumbedarf bestimmt.