Neues Projekt am oberen Pilcomayo

Ebenso wie die beiden vorangegangenen BMZ-Projekte im paraguayischen Chaco, wird auch das neue Projekt von der NRO Tierra Libre umgesetzt. Eine der Besonderheiten des neuen Projektgebiets im Oberen Pilcomayo ist, dass die Nivaĉle und die zur selben Sprachfamilie gehörenden Manjui in den meisten Gemeinden zusammenwohnen, wobei die Manjui-Komponente generell jeweils in der Minderheit ist. Nur die Gemeinde Mistolar ist rein Nivaĉle, während die Gemeinde Santa Rosa sich nahezu ausschließlich aus Manjui zusammensetzt; letztere ist die einzige Gemeinde im paraguayischen Chaco, in der die Manjui-Sprache nicht direkt vom Aussterben bedroht ist. Eine weitere Besonderheit ist, dass der historische Lebensraum dieser beiden indigenen Gruppen im Vergleich mit dem des Unteren und Mittleren Pilcomayo-Gebiets, wo die vorangegangenen Projekte umgesetzt wurden, der am dünnsten besiedelte ist ‒ ein Umstand, den man als langfristiges Nachwirken von zwei Ereignisketten interpretieren kann: einerseits waren die Nivaĉle und Manjui während des Chaco-Kriegs wegen ihrer Nähe zur bolivianischen Grenze am stärksten von den militärischen Auseinandersetzungen dezimiert worden und in den 50er bzw. 60er Jahren des 20. Jahrhunderts andererseits auch in besonderem Maße von Epidemien betroffen, die die Bevölkerung ganzer Dörfer ausrotteten, wodurch bis in die 60er und 70er Jahren hinein erhebliche Abwanderungsbewegungen in Richtung Chaco Central ausgelöst wurden. Diese Bedingungen leisteten dem Verkauf von Staatsland und deren Umwandlung in Großgrundbesitze der Viehzüchter in extrem Maße Vorschub. 

Ein günstiger Aspekt ist, dass der Obere Pilcomayo bisher noch das am wenigsten vom tendenziellen Austrocknen des Pilcomayo-Flusses betroffene Gebiet ist: in den Gemeinden, die in der Nähe des Hauptbetts des Pilcomayo liegen, ist nach wie vor Fischfang möglich ‒ im Falle der Nivaĉle- und Manjui-Gemeinden von Pedro P. Peña sogar ganzjährig. Das Obere Pilcomayo-Gebiet ist bisher auch in geringerem Umfang vom Entwaldungsprozess und der Bedrohung der biologischen Vielfalt betroffen als der Mittlere und Untere Pilcomayo. Allerdings gibt es besorgniserregende Anzeichen dafür, dass die dynamische Ausdehnung der ökologisch zerstörerischen argentinischen Soja-Frontier langfristig auf dieses Gebiet übergreifen wird. Die Reduzierung der Ressourcenbasis der Nivaĉle- und Manjui-Gemeinden des Oberen Pilcomayo ist daher in erster Linie auf die Enteignung und Privatisierung des Lebensraums der Nivaĉle und Manjui zurückzuführen. Hier liegen die meisten landlosen indigenen Gemeinden der Region. Zwei der fünf Gemeinden des Projektgebiets haben keinen Eigentumstitel. Gleichzeitig ist das Obere Pilcomayo-Gebiet auch am stärksten von der Aktivierung der paraguayischen Erdöl- bzw. Erdgasabbau-Konzessionen multinationaler Konzerne und deren möglichen tiefgreifenden Konsequenzen bedroht. 

Ebenso wie in den beiden vorangegangenen Projekten versucht das neue vom Werkhof Darmstadt und vom BMZ geförderte Projekt demgegenüber zur Sicherung des Lebensraumes der Nivaĉle und Manjui beizutragen und die territorialen Ansprüche der Gemeinden Campo Ampu, Mistolar, Pedro P. Peña Nivaĉle, Pedro P. Peña Manjui und Santa Rosa zur Geltung zu bringen bzw. der menschenrechtlich kritischen Situation entgegenzuwirken, die durch die territoriale Exklusion der Nivaĉle und Manjui entstanden ist. Auch in diesem Projekt handelt es sich um drei Maßnahmenbereiche: 1) Stärkung der Initiativen zur rechtlichen Konsolidierung von ausreichendem kommunalen Landbesitz; 2) Stärkung der Initiativen zur Wiederherstellung der lebensräumlichen Existenz- und Ernährungsgrundlage durch größeren Zugang zu den biologischen und hydrischen Ressourcen; 3) Stärkung der indigenen Organisationen durch deren Vernetzung. Das Projektziel ist, die für die Absicherung des Lebensraumes der Nivaĉle- und Manjui-Gemeinden des Oberen Pilcomayo-Gebiets und deren nachhaltige Entwicklung notwendigen Konditionen partizipativ festzustellen, eine darauf ausgerichtete gemeinsame Planung der Gemeinden zu fördern und diese Gemeinden in die Lage zu versetzen, die zur Wahrung der indigenen Rechte erforderlichen Schritte, darunter Anstrengungen zum Naturschutz in ihrem traditionellen Territorium und rechtliche Verfahren zur Landzuweisung, selbständig umzusetzen.

Im Zusammenhang mit den beiden abgeschlossenen BMZ-Projekten in den benachbarten Gebieten werden von der Umsetzung des neuen Projekts jetzt konstruktive Synergie-Effekte in der gesamten Pilcomayo-Region erwartet. Mittels der Schaffung von Kompetenzen und Kapazitäten in den Nivaĉle- und Manjui-Gemeinden sowie der Verbesserung ihrer gemeinsamen Organisation soll Nachhaltigkeit gesichert werden. Hinsichtlich der Projektkonzeption besteht die Besonderheit des aktuellen Projekts im Vergleich mit den beiden vorangegangenen Projekten im Mittleren und Unteren Pilcomayo-Gebiet darin, dass jetzt zusätzlich der Bau und die Grundausstattung eines Gemeindezentrums in einer der Gemeinden (Nivaĉle-Gemeinde von Pedro P. Peña) vorgesehen ist, wodurch einerseits Raum für den steigenden Bedarf an kommunalen und interkommunalen Versammlungen geschaffen und andererseits wichtige Impulse auf das lokale Kunsthandwerk ausgehen sollen. 

Nach Ablauf von knapp der Hälfte der Projektlaufzeit sind folgende Fortschritte dieser Initiative erkennbare. In Bezug auf den Bau des Gemeinde- und Kunsthandwerkszentrums wurde der größte Teil des Rohbaus bereits verwirklicht. Voraussichtlich werden alle Arbeiten an diesem Gebäude einschließlich seiner Grundausstattung noch vor Jahresende 2016 abgeschlossen sein, so dass das Gemeinde- und Kunsthandwerkszentrum den Nivaĉle von Pedro P. Peña ab Januar zur Verfügung stehen wird.

Mittlerweile ist das Versammlungs-und Werkstattgebäude fertiggestellt und wird derzeit von den Nivaĉle bezogen.

Nicht nur in der Nivaĉle-Gemeinde, sondern auch in der unmittelbar benachbarten Manjui-Gemeinde sollen sich die Einkommen der Familien durch diese Maßnahme über die Dynamisierung des lokalen Kunsthandwerks verbessern. Sowohl die Frauen (Weberinnen) als auch die Männer (Holzschnitzer) können ab Januar 2017 ihre Werkstätten und Ausstellungen in diesem Zentrum einrichten. Gleichzeitig konnten in der ersten Projekt-Phase viele Mitglieder aller fünf Gemeinden des Oberen Pilcomayo ihre über Workshops und Praktiken vermittelten Kenntnisse über Landrechte, Möglichkeiten zum Schutz ihrer Lebensgrundlage sowie auch Formen der gemeinsamen Interessenvertretung nicht nur verbessern, sondern auch praktisch anwenden. Die erworbenen Kompetenzen bilden die Grundlage für die im Dezember beginnende zweite Projekt-Phase, in der es um gemeinsame Planungen zur Erweiterung des Territoriums der Nivaĉle- und Manjui-Gemeinden sowie die Einleitung von Verfahren zur Landzuweisung geht. Ebenso wie in den beiden vorangegangenen Projekten soll der Raumbedarf der Nivaĉle- und Manjui-Bevölkerung durch die Ermittlung des traditionellen Nahrungsmittelbedarf der gegenwärtigen und zukünftigen Nivaĉle- und Manjui-Bevölkerung der fünf Gemeinden möglichst genau bestimmt werden, um die Abgrenzung ihres Lebensraums zu ermöglichen. Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass sich das schon vor der Umsetzung dieses Projekts bestehende Comité Zonal des Oberen Pilcomayo im Rahmen der erwähnten Maßnahmen erheblich konsolidieren wird. Auch in diesem Projekt haben die Frauen von Anfang an sehr aktiv mitgewirkt. Der Werkhof Darmstadt bittet um Unterstützung für diese wichtige Initiative.