Im Jahr 2010 haben sich Menschen im Verein Tierra Libre zusammengeschlossen, die aufgrund ihrer jahrelangen Vorerfahrung Indigene darin unterstützen wollten, sich ihrer Rechte bewusst zu werden und sie zu befähigen, diese Rechte auch einzufordern. Seit 2012 arbeitet der Werkhof mit Tierra Libre zusammen.

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Sicherung des Lebensraums der Nivaĉle am Pilcomayo im Chaco

Mit Auszügen aus einem Bericht unserer Partnerorganisation Tierra Libre in Asunción

Der historische Lebensraum der Nivaĉle liegt im trockenen Teil des Gran Chaco. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts umfasste er etwa 8,6 Millionen Hektar Land auf beiden Seiten der gegenwärtigen Staatsgrenze zwischen Argentinien und Paraguay, die vom Hauptbett des Pilcomayo-Flusses gebildet wird. Das Ökosysten des Pilcomayo-Flusses mit seinem Wasserreichtum und seiner Vielfalt an biologischen Ressourcen war nicht nur der wirtschaftliche und kulturelle Kern des Territoriums der Nivaĉle, sondern auch der Bezugspunkt für ihre sozialräumliche Organisation.

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Versammlung zur Planung von Aktivitäten in der Nivaĉle-Gemeinde Yishinachat.

Während der ersten vier Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts sahen sich die Nivaĉle einerseits dem systematischen Genozid durch die argentinische Gendarmerie sowie das bolivianische Militär und andererseits der ausufernden Willkür seitens der Paraguayos ausgesetzt. Um 1950 hatten sie ihr gesamtes Territorium beiderseits des Pilcomayo-Flusses verloren. Aus Argentinien waren sie gewaltsam vertrieben und auf der anderen Seite des Flusses von dem, während des Chaco-Konflikts in den Lebensraum der Nivaĉle eindringenden bolivianischen Militär dezimiert worden. In Paraguay wurden sie in dieser Zeit durch den Verkauf von Staatsland und deren Umwandlung in Großgrundbesitze der Viehzüchter enteignet.

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Auf Satellitenbildern zu beobachtende Waldzerstörung im mittleren Pilcomayo-Gebiet

Die zunehmend dynamische Ausdehnung der Viehzucht im paraguayischen Chaco löste einen seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts stark beschleunigten, massiven Entwaldungsprozess sowie die substanzielle Bedrohung der biologischen Vielfalt in der Region aus. Infolge der strukturellen Veränderungen im oberen und mittleren Lauf des Río Pilcomayo fiel seit den 80er Jahren auch das Hauptbett dieses Flusses tendenziell trocken  ̶̶  ein tiefgreifender ökologischer Impakt, der die Nivaĉle in ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Substanz trifft.

Diese katastrophale Entwicklung schlug sich in der drastischen Reduzierung der Ressourcenbasis der Nivaĉle nieder und führte zur Abwanderung von erheblichen Teilen der Nivaĉle-Bevölkerung aus dem Pilcomayo-Gebiet in den Chaco Central. Die gegenwärtigen Nivaĉle-Gemeinden des Pilcomayo-Gebiets haben entweder wenig oder gar kein Land. Sie sehen sich heute nicht nur von diesen gravierenden Veränderungen, sondern inzwischen auch von der aggressiven Ausweitung der argentinischen Soja-Frontier in den paraguayischen Siedlungsraum der Nivaĉle sowie von der Aktivierung der paraguayischen Erdöl- bzw. Erdgasabbau-Konzessionen an multinationale Konzerne in der Region und deren Konsequenzen zunehmend in ihrer existenziellen Basis bedroht.

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Teilnehmerinnen an einem Workshop über Landrechte in einer Nivaĉle-Gemeinde

Die seit 2012 geförderten Projekte zur Sicherung des Lebensraumes und der Verbesserung der Infrastruktur der Nivaĉle-Gemeinden des Pilcomayo-Gebiets versuchen, die territorialen Ansprüche dieser Gemeinden zur Geltung zu bringen und insbesondere die Trinkwasserversorgung zu verbessern. Alle Projekte  zielen darauf ab, der menschenrechtlich kritischen Situation entgegenzuwirken, die durch die Zerstörung der natürlichen Ressourcen und der territorialen Exklusion der Nivaĉle-Gemeinden entstanden ist. Dies geschieht durch die Entwicklung und Umsetzung einer von allen Gemeinden getragenen und koordinierten Strategie, mit der gezielt Einfluss auf öffentliche Instanzen zur Veränderung dieser Situation ausgeübt werden soll. Aktuell entstehen in den Gemeinden des Mittleren Pilcomayo-Gebiets Wassertanks aus Beton, um das Regenwasser aufzunehmen. Das Grundwasser ist zu salzhaltig, um es zu trinken.

Die von Tierra Libre unterstützte Initiative macht Fortschritte: die Gemeinde La Princesa hat ihre Landtitel mittlerweile erhalten. Weitere Gemeinden werden seit Längerem begleitet. Durch die Ausbildung in Workshops und praktische Übungen konnten sich viele Mitglieder dieser Gemeinden wichtige Kenntnisse über Landrechte, Methoden zum Schutz ihrer Lebensgrundlagen sowie auch Formen der gemeinsamen Organisierung aneignen und ihre Fähigkeiten durch eine engagierte Teilnahme wesentlich verbessern. Vor allem die Nivaĉle-Frauen dynamisieren diesen Prozess der Aneignung. Sie werden auch zunehmend bei Wahlen innerhalb ihrer Gemeinden berücksichtigt und übernehmen mehr Verantwortung. Mittels der Schaffung von Kompetenzen und Kapazitäten in den Nivaĉle-Gemeinden soll die Nachhaltigkeit gesichert werden.

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Nivaĉle vermessen ihr Land und melden die Daten ans Katasteramt
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Ansprechpartnerinnen im Werkhof Darmstadt e.V.:
Doris von der Felsen

Tel. 06151 50048-0
doris-von-der-felsen@werkhof-darmstadt.de

 

Aktuelles aus Auslandsprojekten

Das seit Anfang 2016 begonnene Projekt erreicht mit seinen vielfältigen Aktivitäten des Vereins TAHADI und seiner außerordentlich engagierten Mitarbeiter/innen eine große Zahl an Jugendlichen und Frauen im strukturschwachen und armen Stadtteil  Derb Ghalef in Casablanca/Marokko.

Die Zusammenarbeit mit CECIM besteht 1992. In den ersten Jahren hat der Werkhof Projekte im Bereich der schulischen und beruflichen Erwachsenenbildung unterstützt. Seit 2007 richtet sich der Schwerpunkt auf Frauen, die Gewalt erfahren haben und selbständig werden möchten.

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